Totschlag, Stories

Paul Cain


P b, DM 16,80
ISBN 3-929010-38-0
Limitierte Hardcover-Edition, DM 29,80
ISBN 3-929010-39-9

Zu Paul Cain

Irgendwann in den Zwanzigern, die Prohibition hatte gerade die »Roaring Twenties« in die Speak-Easies verbannt und Gangstern wie Al Capone und Dutch Schultz zu sprudelnden Einnahmequellen verholfen, tauchte ein Mann, der sich Paul Cain nannte, für kurze Zeit in New York auf und lieferte bei Cap Shaw, dem Herausgeber des legendären Pulp-Magazins Black Mask, ein paar Stories und einen Roman ab. Dashiell Hammett und Carroll John Daly hatten gerade das Hardboiled-Genre erfunden. Pulps fanden reißenden Absatz; auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte Black Mask mehr als 100.000 Hefte pro Monat. Für fünf Cent pro Wort bediente eine Armee von Pulp-Writern die niederen Instinkte des Publikums und sorgte für eine Revolution, die die amerikanische Literatur für immer veränderte. Cains Beitrag war schmal, aber nachhaltig. Selbst die Literaturkritik der New York Times, die als erste merkte, was sich hinter den grellbunten Covern der Groschenhefte anbahnte, war so beeindruckt, daß sie ins Stottern geriet: »Ein tobendes Chaos voller Blutvergießen und Wahnsinn, ein Tollhaus voll Mord und Irrsinn.«

Doch nicht nur die Unbarmherzigkeit, mit der Cain seine Leser von Blutbad zu Blutbad hetzte, sicherte ihm einen Platz in der Hall of Fame der Pulp-Writer. Er ergänzte die Galerie der schießwütigen Detektive von Hammett und Daly um die Figur des kriminellen Grenzgängers, der in der Grauzone zwischen Gesetz und Gangstern dafür sorgt, daß die Dinge nicht aus dem Ruder laufen; immer darauf bedacht, seinen Schnitt zu machen, auch wenn er am Ende froh sein kann, mit halbwegs heiler Haut davonzukommen. Mit schemenhaften Figuren wie Black, der für eine Handvoll Dollar zwei Kleinstadtbanden gegeneinander ausspielt, Shane, der seiner Jugendfreundin aus der Klemme hilft, oder Doolin, der aus der Rivalität zweier Drogengangs Kapital zu schlagen sucht, schuf er den Prototypen des amoralischen, zynischen Einzelgängers, der später von Jim Thompsons Doc McCoy über Richard Starks Parker bis zu James Ellroys Trashcan Jack Vincennes unzählige Male variiert wurde. Auch seine Stilisierung der Gangsterbosse zu morbiden Décadents, hat ihre Spuren in den Protagonisten der Neo-Noir-Kultur hinterlassen. Christopher Walkens altruistischer Drogenzar in Abel Ferraras »King of New York« läßt sich ebenso zu Cains lungenkranken Morphiumschmuggler Halloran zurückverfolgen wie Dennis Hoppers Frank in David Lynchs »Blue Velvet«.

Im Gegensatz zu seinen Protagonisten ist der Autor Cain fast so schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Während Hammett und Chandler zu Ikonen der populären Kultur wurden, und Leute wie Daly oder Dent sich in die Anonymität der Suburbs zurückzogen bleibt Cain bis heute eine enigmatische Figur. Verbürgt ist, daß er 1902 als George Carroll Sims in Des Moines, Iowa zur Welt kam und 1966 in Hollywood starb. Zwar untermauerten Hardcover-Editionen von »Fast One« ­p; zuvor als Fortsetzungsroman in Black Mask erschienen ­p; und »Seven Slayers« ­p; eine Short-Story-Sammlung bei Avon ­p; seine Reputation als einer der besten und härtesten Pulp-Writer, doch wie viele seiner Kollegen nutzte er die Chance, diese Reputation Anfang der Dreißiger in Hollywood zu versilbern. Da er seine Pseudonyme so schnell wechselte wie seine Geliebten, zu denen angeblich auch einmal eine junge Tänzerin namens Myrna Williams zählte, die er davon überzeugte, sich fortan Myrna Loy zu nennen, verliert sich seine Spur in den Autorenbüros der Universal-Studios ­p; nicht ohne allerdings auch dort ein Glanzlicht hinterlassen zu haben.

Als Peter Ruric zeichnete er für das Drehbuch für Edgar Ulmers sinistre Version von »The Black Cat« (1934) verantwortlich. Wie die Pulp-Writer den Kriminalroman aus der Muffigkeit der viktorianischen Landhäuser auf die kalten Straßen der amerikanischen Metropolen holten, führte der Drehbuchautor Cain den Horrorfilm aus den romantischen Luftschlössern der Poes, Stokers und Shelleys in die Wirklichkeit des heraufziehenden Faschismus. Die eisige Höflichkeit seiner Pulp-Bösewichter hallt in der Stimme von Boris Karloff nach, der als reich gewordener Kriegsverbrecher sein Opfer Bela Lugosi zum tödlichen Duell verführt: »We shall play a little game, Vitus. A game of death, if you like.«

Gunter Blank

Derek Raymond

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