

Zu Paul Cain
Irgendwann in den Zwanzigern, die Prohibition hatte gerade die »Roaring
Twenties« in die Speak-Easies verbannt und Gangstern wie Al Capone
und Dutch Schultz zu sprudelnden Einnahmequellen verholfen, tauchte ein
Mann, der sich Paul Cain nannte, für kurze Zeit in New York auf und
lieferte bei Cap Shaw, dem Herausgeber des legendären Pulp-Magazins
Black Mask, ein paar Stories und einen Roman ab. Dashiell Hammett und Carroll
John Daly hatten gerade das Hardboiled-Genre erfunden. Pulps fanden reißenden
Absatz; auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte Black Mask
mehr als 100.000 Hefte pro Monat. Für fünf Cent pro Wort bediente
eine Armee von Pulp-Writern die niederen Instinkte des Publikums und sorgte
für eine Revolution, die die amerikanische Literatur für immer
veränderte. Cains Beitrag war schmal, aber nachhaltig. Selbst die Literaturkritik
der New York Times, die als erste merkte, was sich hinter den grellbunten
Covern der Groschenhefte anbahnte, war so beeindruckt, daß sie ins
Stottern geriet: »Ein tobendes Chaos voller Blutvergießen und
Wahnsinn, ein Tollhaus voll Mord und Irrsinn.«
Doch nicht nur die Unbarmherzigkeit, mit der Cain seine Leser von Blutbad
zu Blutbad hetzte, sicherte ihm einen Platz in der Hall of Fame der Pulp-Writer.
Er ergänzte die Galerie der schießwütigen Detektive von
Hammett und Daly um die Figur des kriminellen Grenzgängers, der in
der Grauzone zwischen Gesetz und Gangstern dafür sorgt, daß die
Dinge nicht aus dem Ruder laufen; immer darauf bedacht, seinen Schnitt zu
machen, auch wenn er am Ende froh sein kann, mit halbwegs heiler Haut davonzukommen.
Mit schemenhaften Figuren wie Black, der für eine Handvoll Dollar zwei
Kleinstadtbanden gegeneinander ausspielt, Shane, der seiner Jugendfreundin
aus der Klemme hilft, oder Doolin, der aus der Rivalität zweier Drogengangs
Kapital zu schlagen sucht, schuf er den Prototypen des amoralischen, zynischen
Einzelgängers, der später von Jim Thompsons Doc McCoy über
Richard Starks Parker bis zu James Ellroys Trashcan Jack Vincennes unzählige
Male variiert wurde. Auch seine Stilisierung der Gangsterbosse zu morbiden
Décadents, hat ihre Spuren in den Protagonisten der Neo-Noir-Kultur
hinterlassen. Christopher Walkens altruistischer Drogenzar in Abel Ferraras
»King of New York« läßt sich ebenso zu Cains lungenkranken
Morphiumschmuggler Halloran zurückverfolgen wie Dennis Hoppers Frank
in David Lynchs »Blue Velvet«.
Im Gegensatz zu seinen Protagonisten ist der Autor Cain fast so schnell
wieder verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Während Hammett und Chandler
zu Ikonen der populären Kultur wurden, und Leute wie Daly oder Dent
sich in die Anonymität der Suburbs zurückzogen bleibt Cain bis
heute eine enigmatische Figur. Verbürgt ist, daß er 1902 als
George Carroll Sims in Des Moines, Iowa zur Welt kam und 1966 in Hollywood
starb. Zwar untermauerten Hardcover-Editionen von »Fast One« ­p;
zuvor als Fortsetzungsroman in Black Mask erschienen ­p; und »Seven
Slayers« ­p; eine Short-Story-Sammlung bei Avon ­p; seine Reputation
als einer der besten und härtesten Pulp-Writer, doch wie viele seiner
Kollegen nutzte er die Chance, diese Reputation Anfang der Dreißiger
in Hollywood zu versilbern. Da er seine Pseudonyme so schnell wechselte
wie seine Geliebten, zu denen angeblich auch einmal eine junge Tänzerin
namens Myrna Williams zählte, die er davon überzeugte, sich fortan
Myrna Loy zu nennen, verliert sich seine Spur in den Autorenbüros der
Universal-Studios ­p; nicht ohne allerdings auch dort ein Glanzlicht
hinterlassen zu haben.
Als Peter Ruric zeichnete er für das Drehbuch für Edgar Ulmers
sinistre Version von »The Black Cat« (1934) verantwortlich. Wie
die Pulp-Writer den Kriminalroman aus der Muffigkeit der viktorianischen
Landhäuser auf die kalten Straßen der amerikanischen Metropolen
holten, führte der Drehbuchautor Cain den Horrorfilm aus den romantischen
Luftschlössern der Poes, Stokers und Shelleys in die Wirklichkeit des
heraufziehenden Faschismus. Die eisige Höflichkeit seiner Pulp-Bösewichter
hallt in der Stimme von Boris Karloff nach, der als reich gewordener Kriegsverbrecher
sein Opfer Bela Lugosi zum tödlichen Duell verführt: »We
shall play a little game, Vitus. A game of death, if you like.«
Gunter Blank
